Unterversorgung und Einkaufstourismus

Einzelhändler geben auf und finden keinen Nachfolger. Die Liste der Geschäftsaufgaben ist lang: Buchhandel, Fischhandel, Schlachter, Bekleidung / Boutique, Eiscafé, Schreibwaren, Café, Teehaus, Imbiss, Spielwaren, Uhren, Schuhe, Schmuck, Zoogeschäft, Unterbekleidung, Bistro, Imbiss, Reformhaus… Der letzte Gemüsemann und der Thailänder suchen Nachfolger und Feinkost Behrmann stellte im Juni 2013 nach 110 Jahre seine Geschäftstätigkeit ein.

Die Läden stehen anschließend leer oder werden Branchenfremd weitervermietet. Auch sind die zur Verfügung stehenden Verkaufsflächen für heutige Ansprüche zum Teil zu klein.

Im weitläufigen Lokstedter Zentrum überwiegt inzwischen sehr deutlich die Wohnfunktion. Die verbliebenen wenigen Geschäfte liegen zerstreut, wodurch flanieren kaum mehr möglich erscheint. In der Mitte des Lokstedter Zentrums am Behrmannplatz gibt es außer einer Apotheke und einem Aldi nichts.

Einige wenige Geschäfte sowie ein sehr kleiner Wochenmarkt am Mittwoch in der Grelckstraße, das ist selbst für die Nahversorgung zuwenig. Besonders wenn man bedenkt, dass Lokstedt mit heute 25.600 Menschen und 9 Prozent Bevölkerungszuwachs bis zum Jahre 2020 der am schnellsten wachsende Stadtteil im Bezirk Eimsbüttel ist.

Es fehlt an einem attraktiven Geschäftemix für die über die einfachsten Dinge des täglichen Bedarfs hinaus gehende Versorgung - und es fehlt an Parkplätzen.

So sind Lokstedter gezwungen nach Winterhude, Eppendorf, Eimsbüttel, Hoheluft oder Niendorf zum Einkaufen zu fahren.

Dieser anachronistische Einkaufstourismus ist kontraproduktiv. Je häufiger wir in anderen Stadtteilen einkaufen, desto mehr von den verbliebenen Lokstedter Geschäften erleiden einen tödlichen Umsatzrückgang. Wie sagte einst der legendäre Drogist Hans-Jürgen Stoll?: „Kaufe im Dorf!“

Unterschreitet das Angebot in einem Ortszentrum ein gewisses Maß, verliert das Zentrum seine Attraktivität. Zum Einkaufen muss der Kunde dann sowieso in einen Nachbarstadtteil fahren, dann kann er dort auch den Rest kaufen.

Unterversorgung mit Verkaufsflächen

Doch die nach Lokstedt ziehenden Familien haben auch Erwartungen. Das ökologische Verständnis dieser jungen Menschen ist ein anderes geworden. Es gibt mittlerweile Familien die aus Überzeugung gar kein Auto mehr haben. Einkaufen möchten sie direkt vor Ort - frisch und möglichst Bio. 

Dies deckt sich mit den Interessen der alt-eingesessenen Lokstedter. Denn das Einkaufen in den Nachbarstadtteilen mit dem Auto und das Parken dort sind inzwischen zu einer wirklichen Qual geworden. Viele alte Leute haben Probleme sich zu versorgen.

Was hat Lokstedt also - außer schwindendem Grün - zu bieten?
Selbst im vergleichsweise noch gut ausgestatteten Bereich Nahrung und Genussmittel liegt die durchschnittliche Ausstattung an Lebensmittelverkaufsflächen mit 0,30 qm je Einwohner deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. 

In Teilen Lokstedts gibt es gar keine Verkaufsflächen. 700 Lokstedter hinter dem Liethberg, zwischen Niendorfer Straße, Hinter der Lieth und Deelwisch im komplett einzelhandelsfreien Nordwesten Lokstedts, haben keine fußläufige Einkaufsmöglichkeit. Dies ist überhaupt nur in der Vergangenheit von den Einwohnern hingenommen worden, weil man sich daran gewöhnt hatte, mit dem PKW zum Einkaufen zu fahren. 

In einem Gutachten für den Bezirk Eimsbüttel zur Situation in Lokstedt heißt es: „Das D3-Zentrum Siemersplatz / Grelckstraße verfügt über eine gemäß der nahversorgungsrelevanten Zielausstattung für ein D3-Zentrum nicht unangemessene Versorgungsfunktion durch zwei vorhandene Lebensmitteldiscounter und einen Lebensmittelsupermarkt. Für den Lebensmitteldiscounter im Zentrenbereich Siemersplatz ist dennoch eine Erweiterung oder ein Neubau innerhalb des Zentrums empfehlenswert, da der Betrieb nicht über eine aktuell marktgängige Verkaufsflächengröße verfügt. Angesichts der Empfehlungen zur künftigen Anpassung der Zentrenhierarchie dieses zentralen Versorgungsbereichs sollte damit einhergehend überprüft werden, inwieweit die Ausstattung mit Lebensmittelmärkten – neben der Analyse weiterer Angebotsformen – der dann ausgeweiteten Versorgungsfunktion noch als ausreichend bezeichnet werden kann. Dazu ist auf die nahversorgungsrelevante Zielausstattung eines C- Zentrums hinzuweisen, die eine Mindestausstattung von drei Lebensmittelmärkten (davon mindestens einen Lebensmittelsupermarkt und mindestens einen Lebensmitteldiscounter) fordert. Diese Mindestanzahl ist zwar bereits vorhanden, die Größen der Lebensmittelmärkte entsprechend jedoch teils nicht mehr aktuell marktgängigen Verkaufsflächen.“

Kaufkraft wandert ab

Und weiter: „Es zeigt sich, dass der Stadtteil Lokstedt über eine unterdurchschnittliche Ausstattung an Lebensmittelverkaufsflächen verfügt. Insofern zeigt auch die Zentralität von 81 %, dass die vorhandene Kaufkraft für Nahrungs- und Genussmittel zum Teil in andere Stadtteile und Gemeinden abfließt.“

Etwa 20 Prozent der Kaufkraft aus dem Bereich Nahrung und Genussmittel wandert also in andere Stadtteile ab! In anderen Bereichen, wie Bekleidung, zoologischer Bedarf, Bücher, Schuhe, Lederwaren, Basteln, Hobby, Musikinstrumente, Sportartikel, Möbel und Unterhaltungselektronik Fehlanzeige. Hier wandert die gesamte Kaufkraft in die umliegenden Stadtteile ab, die über ein C- oder B-Zentrum verfügen. 

Es kann den Lokstedtern nicht mehr zugemutet werden, zum Einkaufen nach Eppendorf, Winterhude, Hoheluft, Niendorf oder zur Osterstraße fahren zu müssen. Den bereits bestehenden, oder besser gesagt noch bestehenden Lokstedter Geschäften, dem kläglichen Rest also, wie auch den potentiellen neuen Geschäften die in Lokstedt ansiedeln könnten, wird durch diesen Einkaufstourismus Umsatz entzogen. 

Weitere Artikel zum Thema:
www.lokstedt.de
www.niendorfer-wochenblatt.de

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