Der Verkehr frisst das Zentrum

„Der älteste Verbindungsweg nach Hamburg war der Grandweg, so genannt, weil er mit Grand aufgefahren worden war. Der Steindamm ist erst relativ spät angelegt und zu einer brauchbaren Straße gestaltet worden. Der neugepflasterte Damm war erst 1845 fertiggestellt.“ Horst Grigat

Das zwischen den Weltkriegen noch ländlich geprägte Lokstedt war spätestens Ende der 1940er Jahre gänzlich in der Hansestadt Hamburg angekommen. Der seit 100 Jahren gepflasterte Lokstedter Steindamm und die seit 50 Jahren verkehrende elektrische Straßenbahn machten es möglich, dass Lokstedt kaum zehn Jahre nach der Eingemeindung zu einem ganz normalen Hamburger Wohnbezirk geworden war.

Dasselbe galt aber auch für Niendorf und Schnelsen. So waren es ausgerechnet diese seit 1927 mit Lokstedt in der Großgemeinde Lokstedt vereinten Gemeinden Niendorf und Schnelsen, die mit aufkommendem motorisierten Individualverkehr für den ersten nennenswerten Durchgangsverkehr sorgten.

Was in den 1940er Jahren so harmlos mit der Tangente Kollaustraße – Lokstedter Steindamm begann, wurde über die folgenden Jahrzehnte zum ernsthaften Verkehrsproblem. Und so kam es, dass der zunehmende Straßenverkehr in Verbindung mit verkehrspolitischen Fehlentwicklungen entscheidenden Einfluss auf den weiteren Untergang des Lokstedter Zentrums nahm.

Straßenverkehr

Neben dem Ausbau des Lokstedter Steindamms zur viel befahrenen B 447 steht in den nächsten Jahrzehnten als Dauerbrenner der Ausbau einer Ost-West-Tangente Osterfeldstraße / Vogt-Wells-Straße / Julius-Vosseler-Straße auf der Wunschliste der Kommunalpolitiker.

Vermutlich guten Willens und ohne wirklich zu wissen was sie mit ihren Straßenbaumaßnahmen langfristig anrichten – die Dimension der Zunahme des Straßenverkehrs ließ sich damals noch nicht absehen – beschritten die damaligen Verkehrsplaner einen Irrweg, der den Lokstedtern die Vierteilung der Gebiete rund um den Siemersplatz einbrachte, ja letztlich sogar zu einem Verlust des Siemersplatzes in seiner Funktion als Teil eines lebendigen Ortszentrums führte.

Situation 1957

Noch steht am Siemersplatz die Doppeleiche mit Gedenkstein. Der Lokstedter Steindamm hat in jede Richtung nur eine Fahrspur. Die Vogt-Wells-Straße endet Richtung Westen am Behrmannplatz und der Nedderfeld in Richtung Osten am Offakamp.

Die nachfolgende Chronologie soll uns Aufschluss über die Ereignisse geben.

1958: Begradigung der Kollaustraße

Obwohl der Ausbau des Lokstedter Steindamms noch nicht fertig gestellt ist, wird bereits mit den Arbeiten zur Begradigung der Kollaustraße begonnen. Der verbliebene Rest des alten Straßenverlaufs wird dann 1961 offiziell in Alte Kollaustraße umbenann werdent.

1959: Ausbau Lokstedter Steindamm

Der Lokstedter Steindamm wird durchgehend auf 17 m verbreitert, der Siemersplatz vergrößert. Für den Ausbau des Lokstedter Steindamm werden 67 Bäume gefällt.

1963: Ausbau Osterfeldstraße

Die Osterfeldstraße wird auf 25 m (Fahrbahn 13 m) verbreitert. Es werden weitere 50 Bäume gefällt.

1965: Durchbruch vom Nedderfeld zur Tarpenbekstraße

Der Nedderfeld wird als Industriestraße ausgebaut und mit der Tarpenbekstraße verbunden. Zuvor war dort eine Wiese, die zum Lokstedter Güterbahnhof gehörte.

Der Ausbau der Straße hatte negativen Einfluss auf das Lokstedter Zentrum.

An der neuen Straße siedelte neben den vielen Autohändlern auch die Metro mit ihrem ersten Großmarkt in Hamburg an. Bislang gab es an Supermärkten nur den Johs. Schmidt am Siemersplatz, nunmehr wandelte sich die Situation dramatisch. Der Einzelhandel in Lokstedt erlitt einen deutlichen Umsatzrückgang. Die Behörden haben offensichtlich teilweise aus diesem Fehler gelernt. Beim derzeit noch in Planung befindlichen, gleichwohl aber völlig unsinnigen, vierspurigen Ausbau des Nedderfeld wird darauf geachtet, dass sich dort nur Geschäfte ansiedeln, die das Zentrum Siemersplatz nicht schädigen. Diese Einsicht kommt allerdings fast 50 Jahre zu spät!

Verkehrstechnisch war diese neue Ost-West-Tangente zudem eine Katastrophe. Sie endete blind an der Kollaustraße. Der dort aus Eppendorf / Winterhude / Groß-Borstel kommende Verkehr landete als Versatzverkehr auf der Vogt-Wells-Straße und belastete den Siemersplatz. Mitte der 60er Jahre müssten dann die wunderschönen Linden vor Alwin Münsters Gasthof am genau dieser Ecke für die benötigte Abbiegespur weichen.
Der Durchbruch des Nedderfelds zur Tarpenbekstraße hätte schon damals nur in Verbindung mit einer Querspange Nord erfolgen dürfen.

1966: Durchbruch der Vogt-Wells-Straße

Ein weiterer Fehler dann der Beschluss im Ortsauschuss im Dezember 1965 die rund 1,5 km lange Strecke zwischen Behrmannplatz und Koppelstraße auszubauen. Die Bauarbeiten finden im Jahr 1966 statt.
1970: Ausbau Osterfeldstraße als Hauptverkehrsstraße
Für dieses Jahr steht der Ausbau der Osterfeldstraße als Hauptverkehrsstraße auf der Tagesordnung. Das Teilstück der Straßenverbindung Eppendorf – Lokstedt – Stellingen – Lurup wird verbreitert. Damit ist die Vogt-Wells-Straße auf dem insgesamt 5,7 km langen Straßenzug das letzte Nadelöhr.

Die zweite Ebene im Gespräch

Aber es gab damals durchaus noch Alternativen.

„Nachdem man 1970 ausgerechnet hatte, dass sich der Autoverkehr in den nächsten 10-15 Jahren verdoppeln würde, ging man beim Straßenbau von neuen Überlegungen aus. Bei besonders stark befahrenen Kreuzungen sollte die zweite Ebene zur Anwendung kommen, die durch einen Tunnel (Beispiel Hauptbahnhof Hamburg, Westseite) oder über eine Brücke (Beispiel Barmbecker-Ring-Brücke / Fuhlsbütteler Straße) fuhrt. Diese modernste aller Lösungen war bei der Baubehörde 1970 auch für den Siemersplatz im Gespräch.“, berichtet Horst Grigat.

Das wäre die Lösung für den Siemersplatz gewesen. Solche Plätze, die von zwei Tangenten mit jeweils mehr als 50.000 Kfz (2012, 1970 etwa 30.000 Kfz) täglich durchschnitten werden, können nur durch extreme Maßnahmen revitalisiert werden. Auf dem Tunneldeckel wäre dann ein Ersatz für den verloren gegangenen öffentlichem Raum möglich gewesen.
Noch dazu wäre ein Tunnel 1970 noch zu einem bezahlbaren Preis zu haben gewesen wäre. Man ging damals von Baukosten in Höhe von 25 Millionen Mark aus. Ein vergleichbares Projekt, wenn auch etwas aufwendiger, war der Wallringtunnel. Er kostete 1966 etwa 40 Millionen Mark.

Rechnerisch (Kaufkraftentwicklung 1970 bis 2011) würden die 25 Millionen Mark haute 45 Millionen Euro entsprechen. Dafür ist solch ein Tunnel aber heute nicht mehr zu realisieren.

Die Chance auf eine Untertunnelung dürfte sich bei heutigen Baukosten von vermutlich mehr als 200 Millionen Euro erledigt haben.

Warum kam es nicht zu einem Tunnel?

Verhindert hat den Bau der Kommunalpolitiker Wilhelm Bürsing. Ausgerechnet Bürsing, der lange Zeit der Schriftführer der Vereinszeitung des Bürgervereins Hoheluft-Großlokstedt war, sorgte für das endgültige Aus des Siemersplatz. Bürsing verlangte, die Vogt-Wells-Straße solle schleunigst ausgebaut und die Julius-Vosseler-Straße auf vier Spuren gebracht werden. Das müsste auf Jahre hinaus genügen. Sein Vorschlag hat sich damals - wohl auch wegen der geringeren Kosten – durchgesetzt.
Die Rolle Bürsings in dieser Angelegenheit wirft ein Licht auf den Bürgerverein. Schlagkräftig kann ein solcher Verein eigentlich nur sein, wenn er die Interessen einer Gemeinde, eines Stadtteils vertritt. Ein Bürgerverein, der wie der Bürgerverein Hoheluft-Großlokstedt gleich vier Stadtteile vertritt, wird nur mehr zum Vermittler voneinander abweichender Interessen.

Noch mehr leidet die Durchsetzungsfähigkeit eines solchen Vereins gegenüber der Politik, wenn die Vorstandsmitglieder der Vereins, wie hier Bürsing (der später Ehrenpräsident des Bürgervereins wurde) gleichzeitig als Kommunalpolitiker tätig sind. Sie geraten regelmäßig in Interessenkonflikte.

1972: Niendorfer Straße verbreitert

Um die Vogt-Wells-Straße ausbauen zu können, muss vorher um Verkehrsbehinderungen zu vermeiden, die Niendorfer Straße verbreitert werden.

1973 Kollaustraße

Die gesamte Kollaustraße hat jetzt neben der Straßenbahn zwei Fahrspuren in jeder Richtung.

1975 Bürgerinitiative Lokstedt

Die 1974 anlässlich der Schließung der Polizeirevierwache in der Sottorfallee gegründete Bürgerinitiative Lokstedt stellt 1975 ein Programm vor. Hauptforderung 1: Baldige Lösung der kaum noch erträglichen Verkehrsprobleme in Lokstedt. Ein Erfolg blieb leider aus.

1976 / 77: Ausbau Vogt-Wells-Straße

Für den Ausbau der Vogt-Wells-Straße verloren alle Häuser ihre Vorgärten. Teilweise waren umfangreiche Umbaumaßnahmen an den Häusern nötig. So mussten etwa die Garagenauffahrten umgebaut oder entfernt werden.
Horst Grigat schreibt: „Der vierspurige Ausbau der Vogt-Wells-Straße wurde im Juni 1976 beendet. Verkehrsfachleute gehen davon aus, dass der Siemersplatz als Kreuzungspunkt der Achsen Hoheluft – Schnelsen und Eppendorf – Stellingen schon bald die Grenze seiner Leistungsfähigkeit erreicht haben wird. Daran kann auch der jetzt laufende große Umbau nichts ändern. Daher wird man wohl oder übel gezwungen sein, die im Generalverkehrsplan vorgeschlagene Entlastungsstraße, Nordspange genannt, zu bauen…Die endgültige Fertigstellung des Siemersplatzes erfolgte dann Ende 1977. Seine Leistungsfähigkeit hatte sich erhöht, aber auch der Verkehr nahm an dieser Stelle weiter zu. Die Staus vor diesem Verkehrsknotenpunkt während des Berufsverkehrs endeten deshalb nicht. Viele Autofahrer versuchten weiterhin, den Platz auf Schleichwegen zu umgehen und verstopften auch die Nebenstraßen. Lokstedt setzte die Hoffnung auf die Querspange Nord, die eine Entlastung zu bringen versprach.“

1978: Warum keine Querspange Nord?

Wer verhinderte die letzte Chance für den Siemersplatz, die so dringend benötigte Querspange Nord?

Darüber können wir aktuell in der Jubiläumsausgabe des Niendorfer Wochenblatts nachlesen. Unter dem Jahr 1978 wird dort angeführt, dass der Verein zum Schutz des Niendorfer Geheges „zwei Jahre lang gegen den Bau einer Autobahn südlich des Geheges“ gekämpft hat.

Das mag ja aus Niendorfer Sicht durchaus ein heroischer Kampf gewesen sein, doch für den Siemersplatz war es ein Dolchstoß. Eine Querspange auf Höhe der heutigen Papenreye, südlich des Alten Niendorfer Friedhofs hätte nämlich die von den Verkehrsplanern schon damals gewünschte Entlastung für den Siemersplatz gebracht.

In Folge des Protests des Vereins zum Schutz des Niendorfer Geheges legte die SPD der Bezirksversammlung einen Antrag vor, der die konsequente Ablehnung einer solchen Verkehrsverbindung vorsah. Man befürchtete unzumutbare Belastungen für die Wanderwege, Wasserläufe und Kleingärten südlich des Niendorfer Geheges. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Die Zustimmung der CDU war eine Überraschung, hatte sie sich doch zuvor für eine Querspange ausgesprochen.

Der Vorsitzende des Bürgervereins Hans Joachim Langeloh, selbst betroffen als Besitzer der sogenannten Langeloh-Siedlung in der Vogt-Wells-Straße, erregt sich 1979 nachtäglich über die Entscheidung der Bezirksversammlung in der Vereinszeitung des Bürgervereins: „Das größte Übel war und ist die Lärmbelästigung und die Abgasverpestung der Luft durch die immer weiter ausgebaute Querverbindung von Eppendorf über Lokstedt und Stellingen zur Autobahn. Diese Straße wird gegenwärtig von 30.000 bis 35.000 Fahrzeugen aller Art befahren. Die Bemühungen unseres Vereins, für die Anwohner eine Besserung zu erreichen, sind ohne jeden Erfolg geblieben. Selbst die politischen Vertreter dieser Bürger bringen es fertig, den Bau der als Erleichterung gedachten Querspange abzulehnen und stolz zur Begründung auf Natur- und Landschaftsschutz zu verweisen, statt im Interesse von etwa 25.000 Anwohnern jede Erleichterung sofort in Angriff zu nehmen. Motto: Die Bäume müssen erhalten bleiben, um die betroffenen Anwohner kümmert sich niemand. Das ist wahrlich vorbildliches Handeln für die Mitbürger!“

Doch dies Klagen, als die Vogt-Wells-Straße längst verbreitert war und die Planungen zur Querspange eingestellt, kommt zu spät. Über Jahre hat der Bürgerverein vornehme Zurückhaltung zu diesem Thema geübt und sich offensichtlich darauf verlassen, dass die CDU ablehnen würde. Warum hat der Bürgerverein sich nicht rechtzeitiger eingemischt und ähnlich einer Bürgerinitiative für die Querspange mobil gemacht?

Über die Gründe für die Zurückhaltung belehrt uns die Satzung, die die Aufgaben des Bürgervereins Hoheluft-Großlokstedt folgendermaßen definiert: „In erster Linie beteiligt er sich an der Lösung kommunaler Probleme in den Ortsteilen Hoheluft, Lokstedt, Niendorf und Schnelsen. Nicht als Konkurrenz zu den politischen Parteien, sondern als Ergänzung, aber völlig neutral. Verwechseln Sie uns bitte nicht mit einer Bürgerinitiative.“

– Schade eigentlich!

1978: Die Straßenbahn Linie 2

Ein weiterer Fehler war die Einstellung der Straßenbahn der Linie 2.
Zum einen bewahrte die Straßenbahnhaltestelle dem Siemersplatz einen gewissen Restcharme.

Zum anderen wäre die Straßenbahn bis in die heutigen Zeit hinein und darüber hinaus, geeignet gewesen, die ständig wachsenden Passagierzahlen zu bewältigen, ohne dass es, wie es für den Busverkehr nötig war, ständig den Siemersplatz umzubauen.

Einen vorläufigen Abschluss dieses Desasters stellen die aktuellen Pläne zur Busbeschleunigung dar.

Quelle: Teil 3 der Zentrumserie auf Lokstedt online
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